Schweizer Geldpolitik zwischen Stabilität und globalem Druck: Die Rolle der SNB
Mandat und Unabhängigkeit der Nationalbank
Die Schweizerische Nationalbank (SNB) wurde 1905 gegründet und erhielt vom Bund das Notenmonopol. Als unabhängige Zentralbank führt sie die Geld- und Währungspolitik im Interesse des Landes. Ihr gesetzlicher Auftrag verpflichtet sie, die Preisstabilität zu gewährleisten und dabei die konjunkturelle Entwicklung zu berücksichtigen. Das geldpolitische Konzept besteht aus drei Elementen: einer Definition der Preisstabilität, einer mittelfristigen Inflationsprognose und der Umsetzung der Geldpolitik.
Wie Carlos Lenz, Leiter Volkswirtschaft bei der SNB, erklärt, ist eine eigene Währung Ausdruck staatlicher Souveränität. Nur mit dem Schweizer Franken kann die Nationalbank eine eigenständige Geldpolitik betreiben, die spezifisch auf die Bedürfnisse der Schweiz zugeschnitten ist. Diese Unabhängigkeit wird durch Rechenschafts- und Informationspflichten gegenüber Bundesrat und Parlament ergänzt.
Der starke Franken: Aufwertungstrends und geldpolitische Reaktionen
Der Schweizer Franken hat in den letzten 15 Jahren kontinuierlich an Wert gewonnen und gilt als «sicherer Hafen» in turbulenten Zeiten. Keine andere Währung hat seit dem Ersten Weltkrieg ihren Wert so gut erhalten wie der Franken. Die Aufwertung resultiert aus zwei Faktoren: Zum einen aus den tendenziell niedrigeren Zinsen in der Schweiz, bedingt durch niedrige Inflation und politische Stabilität. Zum anderen verstärken globale Krisen wie die Finanzmarktkrise 2008, die europäische Schuldenkrise, die Corona-Pandemie und der Krieg in der Ukraine die Nachfrage nach dem Franken.
Aktuelle Lagebeurteilung und Interventionen
An der Geldpolitischen Lagebeurteilung im Dezember 2025 entschied das Direktorium unter Präsident Martin Schlegel, den SNB-Leitzins bei 0% zu belassen. Die Inflation lag im November 2025 bei 0,0%, wobei für die kommenden Quartale wieder ein Anstieg im Bereich der Preisstabilität erwartet wird. Die Geldpolitik wirkt aktuell expansiv und die monetären Bedingungen sind nach Einschätzung der SNB angemessen.
Im März 2026 warnte die SNB die Märkte vor einer erhöhten Bereitschaft zu Devisenmarktinterventionen. Angesichts geopolitischer Spannungen erklärte die Notenbank, bereit zu sein, «eine rasche und übermässige Aufwertung des Frankens abzudämpfen». Der Euro fiel zeitweise auf 0,9037 Franken. Die SNB bewegt sich dabei auf dünnem Eis, da das US-Finanzministerium die Schweiz auf der Beobachtungsliste für mögliche Währungsmanipulationen führt.
Reale Aufwertung und Importinflation
Zwischen 2021 und 2023 wertete sich der Franken nominal gegenüber Euro und Dollar auf, um die importierte Inflation zu begrenzen. Da die Teuerung im Ausland stärker war als in der Schweiz, fiel die reale Aufwertung jedoch geringer aus. Dies ermöglichte es Exportunternehmen, höhere Preise im Ausland durchzusetzen, während Schweizer Reisende zwar mehr Euro erhielten, aber durch die hohe Inflation im Ausland weniger Kaufkraft hatten.
Instrumente der geldpolitischen Umsetzung
Zur Umsetzung ihrer Ziele setzt die SNB verschiedene Instrumente ein. Über die Verzinsung von Sichtguthaben beeinflusst sie das Zinsniveau am Geldmarkt. Dabei wendet sie eine abgestufte Verzinsung an: Bis zu einer bestimmten Limite gilt der SNB-Leitzins, darüber hinaus wird ein Abschlag gewährt. Bei einem Leitzins von null Prozent werden Guthaben oberhalb der Limite negativ verzinst, während Sichtguthaben zur Erfüllung der Mindestreserven unverzinst bleiben.
Repogeschäfte und SNB Bills
Mit Repogeschäften steuert die Nationalbank die Liquidität im Finanzsystem. Bei liquiditätszuführenden Geschäften kauft die SNB Effekten und schreibt den Gegenwert auf dem Girokonto gut, wobei ein späterer Rückverkauf vereinbart wird. Umgekehrt dienen liquiditätsabschöpfende Repogeschäfte oder die Emission von SNB Bills zur Reduktion der Liquidität. SNB Bills werden regelmässig mit Laufzeiten von 28 bis 336 Tagen emittiert.
Kriseninstrumente und operationelle Bereitschaft
Während der Corona-Pandemie schuf die SNB die COVID-19-Refinanzierungsfazilität (CRF), über die Banken Liquidität als gedeckte Darlehen zum Leitzins beziehen können. Zudem führt die SNB regelmässig Small-Value Exercises durch, um die operationelle Bereitschaft für Notfallverfahren zu testen.
Finanzmarktstrategie und regulatorischer Rahmen
Die Finanzkrise 2008 führte zu einer grundlegenden Neuausrichtung der Finanzmarktpolitik. Der Bundesrat legte 2009 strategische Stossrichtungen fest mit den Zielen: Erbringung hochwertiger Dienstleistungen, Sicherstellung guter Rahmenbedingungen für die Finanzbranche, Gewährleistung hoher Finanzstabilität sowie Erhaltung der Integrität des Finanzplatzes.
Der Finanzsektor erwirtschaftete 2010 rund 11% der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung, wobei über die Hälfte auf Banken entfiel. Die Schweiz implementierte daraufhin verschärfte Eigenkapitalvorschriften für Grossbanken und Massnahmen gegen die Too-big-to-fail-Problematik, um zukünftige staatliche Bankenrettungen zu vermeiden.
Die hohe Bedeutung der Finanzstabilität zeigt sich auch in der Entwicklung des privaten Vermögens: Schweizer Haushalte besitzen durchschnittlich rund 562'000 Franken pro Erwachsenem, das höchste Vermögen weltweit, wobei die Vermögen seit der Finanzkrise 2008 jährlich um durchschnittlich 5,3 Prozent wuchsen. Gleichzeitig weist die Schweiz im internationalen Vergleich hohe Schulden auf.
Die Zukunft des Bargeldes
Die visuelle Repräsentation der Währung wird ebenfalls weiterentwickelt: Die SNB präsentierte kürzlich die Gewinner des Gestaltungswettbewerbs für die neue Banknotenserie, bei der Pflanzen in Originalgrösse im Mittelpunkt stehen. Dies unterstreicht die Kontinuität des Schweizer Geldwesens – von der 1879 geprägten 10-Rappen-Münze, die als älteste noch umlaufende Münze der Welt gilt, bis zur modernen Banknotengestaltung.